Dienstag, 29. Dezember 2009

Treffsicherer Prognostiker

In der Finanzbranche heißt Carsten Klude "der Treffsichere". Der Ökonom verdankt diesen Beinamen seinen exakten Konjunkturprognosen der vergangenen Jahre. Auch 2009 hat der Chefstratege des Hamburger Bankhauses MM Warburg den Absturz der deutschen Wirtschaft rechtzeitig vorhergesehen.

Da gingen die meisten seiner Berufskollegen noch von einer milden Rezession aus. Der 41-Jährige erwartete dagegen schon vor zwölf Monaten einen Einbruch um 2,3 Prozent. Damit war Klude zwar noch zu optimistisch - die Wirtschaftsleistung dürfte 2009 um knapp fünf Prozent schrumpfen -, doch lag er besser als nahezu alle anderen Prognostiker.

Bei seiner Prognose für den Aktienmarkt traf der "Treffsichere" jedoch daneben: Statt bei den vorhergesagten 3600 Zählern steht der Leitindex Dax wenige Tage vor Jahresende bei rund 6000 Punkten, eine Abweichung von 40 Prozent.

Umgekehrt erging es Christian Kahler von der DZ Bank: Der Frankfurter machte mit seiner Dax-Prognose von 6000 Zählern eine Punktlandung, sein Konjunkturszenario von minus 0,3 Prozent ging dagegen meilenweit an der Realität vorbei. Er hatte, wie die Angelsachsen sagen, recht, aber aus den falschen Gründen.

Klude und Kahler sind Extrembeispiele für die Erfahrung, die in diesem Jahr viele Experten machen mussten: je treffsicherer die Konjunkturprognose, desto schlechter das Abschneiden am Aktienmarkt - und umgekehrt.



Bis zum Frühjahr lagen Konjunkturpessimisten wie Klude auch an der Börse noch im Trend. Da stürzte der Dax tatsächlich auf 3666 Punkte. Doch dann drehte der Markt: Mochte die Lage auch noch so hoffnungslos erscheinen, die Kurse stiegen wieder, und zwar kräftig. Im Rezessionsjahr erzielte der Dax einen Gewinn von 24 Prozent - das beste Ergebnis seit 2005.

Die starke Börse hat 2009 die meisten überrascht. Die Auguren haben aber auch schon weiter danebengelegen. Die Gesamtheit der Experten sah den Dax Ende des Jahres bei 5354 Punkten. Dass eine Wende kommen sollte, sah also die Mehrheit. Immerhin liegt die Prognose des Schwarms aus Finanzexperten elf Prozent über dem Dax-Stand von Ende 2008. Und die Abweichung vom Ist lag mit rund 500 Punkten einen Tick niedriger als in den vorherigen Jahren.

Am schlechtesten schnitten die Prognostiker im Jahr 2002 ab: Damals klafften Soll und Ist 80 Prozent auseinander. Statt zu steigen brach der Index um 44 Prozent ein. Die Experten hatten sich zu sehr davon blenden lassen, dass der Index im Vorjahr um 22 Prozent eingebrochen war. Auf das Horrorjahr müsse eine starke Gegenbewegung folgen, lautete ihre Überlegung.

Die Datenexegese lässt den Mann nicht los. Das bekommen auch seine Frau und die beiden Töchter zu spüren. "Meine Familie ist zwar nicht begeistert, aber wir haben einen Weg gefunden", sagt Klude. 60 bis 90 Minuten pro Tag schaue er sich auch im Urlaub die neuesten Daten an. "Zwei Wochen weg und völlig raus sein - das kann ich mir nicht vorstellen."
Ein wenig geht es dabei auch um die eigene Existenzberechtigung. Dass eine so überschaubar große Privatbank wie M.M. Warburg mit rund 1000 Beschäftigten und einem Überschuss von rund 60 Mio. Euro sich einen eigenen Chefvolkswirt leistet, ist keineswegs selbstverständlich. Doch die Bank rühmt sich ihrer Unabhängigkeit, und da, findet Klude, brauche es nun einmal einen eigenen Blick auf die ökonomische Weltlage. Sein direkter Vorgesetzter ist Max Warburg, einer der vier Partner der Bank.
Schneisen durch die Weltökonomie

Kludes wichtigste Stunde schlägt an jedem zweiten Dienstag im Monat, wenn er im großen Sitzungssaal vor das Team Asset Allocation tritt. Am Besprechungstisch des mit viel Holz und einem Kamin ausgestatteten Raums warten die Leiter des Portfolio-Managements der Tochterbanken. Der Kollege des Bankhauses Löbbecke ist aus Berlin angereist, der des Bankhauses Plump aus Bremen, die Statthalter M.M. Warburgs aus der Schweiz und Luxemburg sind eingeflogen. Es gilt, die grobe Richtung festzulegen, um den millionenschweren Kunden bei der Anlage ihres Vermögens die richtigen Hinweise zu geben. Klude schlägt Schneisen durch die Weltkökonomie, sagt, wo es ungemütlich werden könnte und wo die Sonne scheint. Am Ende macht er Vorschläge, ob seine Kollegen beispielsweise eher auf Aktien oder auf Anleihen setzen sollten. Das Team entscheidet mehrheitlich, Klude hat keine Stimme.
Seit 2000 ist Klude Chefvolkswirt. Nur zweimal, erinnert er sich, hat die Runde gegen ihn gestimmt. "Einmal hat es sich als richtig herausgestellt, einmal als falsch." Als Klude 2005 angesichts des hohen Ölpreises die Aktienkäufe drosseln wollte, blieben die Vermögensverwalter optimistisch - was sich als richtig herausstellte. Ende 2007 dann empfahl er, angesichts der Finanzkrise das Aktienengagement zu reduzieren. Doch es dauerte zwei Wochen, bis die Kollegen einschwenkten. Klude nickt bedächtig.

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