Freitag, 30. April 2010

Cocca

Cocca: Das erste Problem ist die Grundarchitektur des Euro. Es gibt keine Koordination der Wirtschafts- und Steuerpolitik. Das ist die einzige Währung, wo dies so ist. Die Folge ist: Es fehlt die Disziplin vor allem der schwachen Volkswirtschaften. Diese wollen sich Rosinen herauspicken, das heißt: vom niedrigen Zinsniveau profitieren. Gleichzeitig missachten sie die Notwendigkeiten einer maßvollen Budgetpolitik.

OÖN: Und es gibt keine probaten Maßnahmen gegen die Sünder.

Cocca: Das ist das zweite wesentliche Problem: Die Maastricht-Kriterien (Verschuldungsgrad, Budgetdefizit, Inflation; Anm.) sind per se zu oberflächlich, und sie wurden auch nicht eingehalten sowie mit Tricks umgangen. Die EU ist, das zeigt sich derzeit, im Fall der Fälle zu langsam. Die Verzögerung verunsichert alle Beteiligten, das Vertrauen schwindet. Vertrauen ist aber der höchste Wert einer Währung.

OÖN: Das der Euro jetzt verliert?

Cocca: Die Märkte stellen derzeit die ultimative Vertrauensfrage. Sie fragen, ob der griechische Staat die Zahlungsfähigkeit erhalten kann und ob die Staatengemeinschaft in der Lage ist, ein Land nach Griechenland auch zu retten. Der EU muss es nun gelingen, klipp und klar zu antworten.

OÖN: Die Deutschen haben lange mit ihrer Antwort gezögert. Sind die Deutschen schuld an einem weiteren Vertrauensverlust oder eher die anderen, die selbst das Aufkommen ihrer Probleme fürchten?

Cocca: Die Haltung der Deutschen war absolut verständlich. Es ist logisch, dass sie harte Sanktionen für Griechenland verlangen. Ihnen würde ich keinen Vorwurf machen. Vielmehr stellt sich die Frage, wo denn die Briten und die Franzosen sind. Auch Österreich deklariert sich nicht richtig. Man zahlt eben mit, wenn die anderen auch zahlen.

OÖN: Ist der Euro in Gefahr?

Cocca: Er war noch nie so sehr in Gefahr wie jetzt. Und schon allein der Umstand, dass das Thema jetzt auf dem Tisch liegt, ist wenig angenehm. Aber ich bin zuversichtlich, dass es am Ende zu einer Lösung kommt.

OÖN: Wie könnte diese Lösung aussehen?

Cocca: Ich hoffe, dass am Ende eine Stärkung der Eurozone das Ergebnis ist. Es wird ein schmerzhafter Weg, aber eine gemeinsame Wirtschafts-, Steuer- und Währungspolitik muss das Ziel für Europa sein.

OÖN: Das hieße, weniger politische Autonomie für die Einzelstaaten.

Cocca: Ja, aber es wäre ein fairer Deal, weil man als Einzelstaat von erhöhter Stabilität und niedrigen Zinsen profitiert. Und das Rosinenpicken, das ohnehin überraschend lange funktioniert hat, ist auf Dauer keine Lösung.

OÖN: Innerhalb Europas würde das aber auch ein Ende des Standortwettbewerbs auf Steuerebene bedeuten.

Cocca: Möglicherweise. Aber die Frage ist, welche Alternativen gäbe es. Die Asiaten, denen es wirtschaftlich gut geht, sähen einen weiteren Stillstand in Europa nicht ungern. Auch die USA erfangen sich. Der alte Kontinent schaut derzeit wirklich alt aus. Es bleibt ihm also gar nichts anderes übrig, als die Währungsunion auf neue Beine zu stellen. Fallen muss das Einstimmigkeitsprinzip.

OÖN: Muss man sich Sorgen um sein Geld machen?

Cocca: Ich würde sagen, es ist derzeit höchste Vorsicht angesagt. Auf alle Fälle müssen wir noch mit einer gewissen Unsicherheit auf den Märkten einige Zeit leben.

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