Handelsblatt: Herr Vogt, wo drohen die größten Gefahren für die Finanzmärkte?
Vogt: Eine der größten Bedrohungen kommt vom US-Immobilienmarkt. Hier sind die gewerblichen Immobilien auch ein Problem. Aber ich erwarte eine zweite Krisenwelle von den Wohnimmobilien. Viele Darlehen mit Zinsanpassung werden jetzt und in den kommenden Monaten angepasst. Es geht um ähnlich große Summen wie bei der ersten Subprime-Welle. Normalerweise dauert es anschließend drei Monate, bis solche Kredite notleidend werden, die die Schuldner nicht mehr bezahlen können. Nach etwa weiteren drei Monaten beginnt dann die Zwangsversteigerung. Das heißt: Spätestens im Herbst kommt in den USA eine zweite Pleitewelle auf die USA zu, damit auch auf die Bankbilanzen. Die Atempause an diesem wichtigen Markt ist also vorbei. Bald werden die Immobilienpreise weiter rutschen.
Was heißt das für die Aktienmärkte?
Die Börsenampeln stehen auf dunklem Gelb. Negativ sind schon die Geldpolitik, die Bewertung an den Aktienmärkten und die Stimmungslage. Die Geldmengen in den Industrieländern wachsen nicht mehr, schrumpfen teilweise sogar. Der Hausse geht also die Liquidität und damit der Treibstoff aus. Das ist schlecht für Aktien und Rohstoffe, auch für die Realwirtschaft. Das alles passiert in einer Zeit, in der die Konjunkturprogramme noch laufen, aber an Durchschlagskraft verlieren müssten. Im zweiten Halbjahr werden also die Wachstumsraten geringer sein. Dann beginnt die akute Gefahrensaison für Aktien und Rohstoffe. Von den Bewertungen her sind die Märkte mit hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen und geringen Dividendenrenditen historisch sehr teuer. Einige Stimmungsindikatoren sind schon wieder auf Rekordniveau. Der Börsianer sind so optimistisch wie zuletzt im Jahr 2000 - vor dem Crash. Deshalb sind Börsen anfällig für schlechte Nachrichten. Für ein endgültiges Verkaufssignal müssten jetzt nur noch die technischen Indikatoren, die das Kursgeschehen widerspiegeln, drehen.
Jetzt schon verkaufen oder noch warten?
Insgesamt sehe ich die Aktienmärkte in einer Top-Bildung. In einigen Monaten dürften die Aktien nach unten abdrehen und ihre zweite Baissephase starten. Von den Verlusten und der Zeitdauer her könnten wir die erste Phase von Anfang 2008 bis Frühjahr 2009 kopieren: Das ist für mich eine Art Blaupause. Der Markt kann sich also halbieren. Das wird richtig ungemütlich an allen Börsen der Industrieländer. Was Europa angeht, sind die Bewertungen hier zwar nicht so überzogen wie in den USA, aber auf eine Abkopplung von der Wall Street können wir in Zeiten globaler Finanzmärkte nicht hoffen. Auch Rohstoffe und Unternehmensanleihen sind unter diesen Vorzeichen kein Kauf mehr. Sie sind wie die Aktien hervorragend gelaufen, aber wenn die Anleger sich erneut aus Risikopositionen zurückzuziehen beginnen, muss man auch hier verkaufen. Anleger sollten jetzt ihre Bestände in allen drei Märkten, das heißt Aktien, Risiko-Anleihen, Rohstoffe, schrittweise auflösen.
Montag, 17. Mai 2010
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2 Kommentare:
leiben erstklassige Staatsanleihen trotz der schon tiefen Renditen eine gute Wahl?
Wenn der zweite Krisenakt beginnt, werden die besseren Staatsanleihen noch einmal gewinnen. Das sind beispielsweise die Bundesanleihen. Auch eine zehnjährige US-Staatsanleihe kann dann mit den Kurssteigerungen noch einmal auf eine Rendite von jetzt rund vier Richtung drei Prozent fallen. Aber die tiefsten Renditen zum Höhepunkt der Panik im Dezember 2008 werden wir nicht mehr sehen. Das wird der langfristige Tiefpunkt der Anleihehausse sein, die vor knapp drei Jahrzehnten begann. Mein Rat: Auch Investmentfonds verkaufen, wenn die ihr Geld teilweise in langfristige Staatsanleihen angelegt haben. Die gleiche Empfehlung gilt für Kapital-Lebensversicherungen, die ebenfalls vorwiegend in lang laufenden Staatsanleihen investiert sind.
Wie lange wird die Anleihehausse, die schon seit drei Jahrzehnten läuft, halten?
Mit Bundesanleihen kann man vielleicht noch zwei bis drei Jahre überwintern. Aber langfristig haben alle Industrieländer das gleiche Problem: Schulden, Schulden, Schulden. Griechenland ist nur der Vorbote für das, was uns in Europa, den USA und Japan bevor steht. US-Staatsanleihen sind die größte Spekulationsblase aller Zeiten. Ihr Platzen wird das nächste große Missgeschick sein, dass die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft durchschüttelt. Die Auswirkungen steigender Zinsen sowohl auf die Wirtschaft als auch die Staatsfinanzen werden verheerend sein. Im Vergleich zu den hier schlummernden Risiken sind die Hypothekenkreditmärkte kleine Fische. Weder in den USA noch in Europa haben die Politiker irgendeinen Plan, wie sie aus der Schuldenfalle herauskommen sollen. Nur eine Zahl dazu: Sogar die offiziellen Planungen in den USA sehen vor, die Staatsschuld in den kommenden zehn Jahren auf 18,6 Bill. Dollar zu verdoppeln. Eine Bemerkung zum aktuellen Rettungspaket für die Griechen vom Wochenende ist eigentlich überflüssig: Die Kuh ist nicht vom Eis.
Was bleibt denn noch an sicheren Häfen?
Berücksichtigen sollte man in Depots Währungen und Anleihen aus Ländern mit Zukunftsperspektive. Das sind etwa die Schweiz, Singapur, Australien und Norwegen. Diese Länder sind oft reich an Rohstoffen und von der Finanzkrise und dem Verschuldungswahn weniger betroffen. Für die meisten anderen Devisen gilt: Langfristig höhlen unseriöse Geld- und Fiskalpolitiken diese Währungen aus. Das Besondere an der aktuellen Situation ist, dass alle wichtigen Regierungen dieser Welt dieselbe unseriöse Politik betreiben. Logischerweise gibt es einen Abwertungswettlauf. Ab gegen welche Währung kann der Dollar, der Euro oder der Yen fallen? Auf lange Sicht müssen sie alle fallen. Aber gegen was? Vielleicht gegen das Gold.
In der letzten heißen Phase der Finanzkrise sind aber auch Rohstoffe kollabiert, der Goldpreis ist ebenfalls gefallen?
Bei den Rohstoffen könnten die Edelmetalle in der zweiten Krisenphase vielleicht ein Eigenleben führen und nicht - wie am Anfang der Finanzkrise - mit nach unten driften. Anleger nehmen sie jetzt als Krisenschutz wahr und als Rettungsanker in Zeiten explodierender Staatsverschuldung. Auch Gold als Währungsersatz, oder besser: als beste Währung, dürfte hier eine Rolle spielen. Schließlich betreiben alle Regierungen die gleiche unseriöse Ausgabepolitik. Ich empfehle für die Anlage ein Zehntel bis ein Fünftel des Kapitals in Edelmetalle zu stecken. Ansonsten wird man in den kommenden Jahren viel mentale Beweglichkeit für das eigene Depot brauchen. Wir fahren Achterbahn an den Börsen: Aufwärts muss man verdienen, abwärts darf man nicht unter die Räder kommen. Auch in den Emerging Markets kann es dann schlimm werden. Der chinesische Aktienmarkt zeigt schon seit Monaten eine gewisse Schwäche. Hinweise auf eine große Spekulationsblase an den dortigen Immobilienmärkten haben wir ohnehin.
GOLD:
Sie glauben nicht, dass es ihnen gelingt, das Geld wieder schonend einzusammeln?
Das halte ich für ausgeschlossen. Wer sollte die Rückkehr zu seriöser Geld- und Fiskalpolitik auch durchsetzen? Dagegen steht eine gewaltige Phalanx aus Zentralbankern, Politikern und sogar nobelpreisgekrönten Ökonomen wie Paul Krugman, die nur eines im Sinn haben: immer noch mehr Milliarden für immer noch mehr Rettungspakete.
In Ihrem düsteren Szenario frisst die Inflation das Geldvermögen der Sparer auf.
Ja, leider. In acht bis zehn Jahren ist unser Geld nur noch die Hälfte wert.
Bleibt die Flucht ins Gold?
Dazu rate ich unbedingt: Gold ist der beste Schutz.
Auch wenn es schon wahnsinnig teuer ist?
Gold ist nur teuer, wenn man die historische Preisentwicklung anschaut. Vergleicht man Gold mit dem Wachstum der Geldmenge, dann ist es immer noch außerordentlich billig.
Wie viel Gold stecken Sie ins Depot?
Im Moment bis zu 15 Prozent, wenn ich die Aktien von Goldminen dazurechne. Wir liebäugeln aber mit noch höheren Beträgen. Wir werden aufstocken.
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