»Ich glaube nicht, dass jetzt schon Schluss ist«, sagt Jim Rogers über den Goldpreisboom, während er am Morgen in Singapur auf seiner Terrasse in die Pedale seines Fitnessfahrrads tritt und sich den Schweiß aus den Augen kneift, weil seine Finger damit beschäftigt sind, eine E-Mail zu beantworten. Der Laptop ist an den Lenker geschraubt. Ein Blackberry liegt in Reichweite. Ventilatoren quirlen 35 Grad schwere Luft.
Vor drei Jahren hat der 67 Jahre alte US-Investor sein Haus in New York für 15 Millionen Dollar verkauft, um mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern nach Singapur umzusiedeln. Mit Amerika, sagt Rogers, habe er abgeschlossen. Das Land habe keine Zukunft. Jim Rogers glaubt an China. Deshalb, sagt er, sei er es seinen Töchtern schuldig gewesen, dafür zu sorgen, dass sie mit Mandarin aufwachsen. Und Spanisch. Mit unmittelbarer Krisenvorsorge habe sein Umzug nichts zu tun, aber er gehe davon aus, dass es in den USA in Zukunft zu massiven sozialen Unruhen kommen werde. Im Pool planscht seine zweijährige Tochter Baby Bee mit dem kolumbianischen Kindermädchen. Die Kleine sei im Spanischen schon wesentlich flüssiger als ihre siebenjährige Schwester, sagt Rogers.
Es gibt Leute, die ihm jetzt gerne zuhören. Leute, von denen Rogers sagt, er könne eigentlich nicht viel mit ihnen anfangen. Im Englischen nennt man sie gold bugs, Goldkäfer, eine Spezies, die sich auf der ganzen Welt ausgebreitet hat, in Deutschland und in der Schweiz, in den USA und in Asien. Als Ökonomen sitzen sie in den Chefetagen von Banken und fordern die Rückkehr zum Goldstandard, als Privatinvestoren leben sie auf Landsitzen an der amerikanischen Ostküste und reden ungern über die Menge ihres Edelmetalls. Es sei denn, man ist unter sich.
»Gold«, schreibt Brett Arends, Kolumnist des Wall Street Journal, »hat eine Armee von Gläubigen hinter sich, die bereit sind, jede Kurssteigerung als Sieg zu feiern und Skeptiker mit den Worten ›Ihr versteht es eben einfach nicht‹ abzuspeisen.« Aus München meldete die Edelmetallmesse im vergangenen Jahr mit 5000 Besuchern einen neuen Rekord. Gold bugs veröffentlichen Bücher mit Titeln wie Das geheime Wissen der Goldanleger, sie schreiben Beiträge in Periodika wie dem Smart Investor (»Edelmetalle – Hochglanz hoch vier!«) oder dem Morgan Report (»Hyperinflation voraus!«). Sie vergewissern sich gegenseitig in Internetforen wie den Goldseiten, auf Konferenzen und Tagungen, dass Gold das einzig wahre Anlageobjekt ist. Vom bevorstehenden Untergang der Papierwährungen sind sie überzeugt, seit die Zentralbanken aufgehört haben, deren Gegenwert in Gold im Tresor zu lagern.
Gold bugs sind Kapitalisten, die ihr Eigentum verteidigen. Gold bugs sind Antikapitalisten, weil sie hinnehmen, dass ihre Anlage keine Rendite abwirft. Sie sind zukunftsfixiert in ihrer Erwartung kommender Katastrophen, reaktionär in ihrem Glauben an ein fassbares Stück Ewigkeit. Gold bugs, sagt Rogers, seien Menschen, die dem Edelmetall einen höheren, nahezu religiösen Wert beimessen. In der Regel erklären sie einem, dass sie selbst keine gold bugs sind, sondern einfach Kenner der Materie. Unter gold bugs gilt: Gold bugs sind immer die anderen.
Fragen zu seinem Werdegang beantwortet Hans J. Bocker standardmäßig mit der Formel: »Lassen Sie uns nicht unsere wertvolle Zeit verschwenden. Sehen Sie bitte nach im Who is Who in the World unter B. Da bin ich drin. Seit 27 Jahren.« Er habe keinen besonderen Wert auf diesen Eintrag gelegt. Dann sagt er, er habe 104 Länder bereist und in 54 davon gelebt, übe drei Berufe aus, halte zwei Professuren und nutze fünf Handys internationaler Netzanbieter. Meistens spricht er ein wenig atemlos, gepresst und leise, als sei er in ein Selbstgespräch versunken. Seine Haut ist gebräunt. Bocker sagt, er komme gerade aus Togo.
Am Morgen nach seinem Vortrag in Oldenburg schiebt er unvermittelt zwischen Marmelade und Kaffee ein DIN-A4-großes Farbfoto über den Frühstückstisch. Es zeigt die erheblich versehrte Leiche eines jungen Geologen, der bei einer Expedition von einem Bären getötet wurde. Bocker hat sie fotografiert. »Es gibt keine Schwäche und keine Weichheit«, murmelt Bocker. »Das können wir uns gar nicht leisten.« Dann referiert er über Themen, die in seinem Goldvortrag gestern Abend nicht mehr unterkamen: das bevorstehende Ende der Zivilisation, Wiedergeburt und seine Überzeugung, dass die geplante Ausrottung der Menschheit durch Zwangsimpfungen unmittelbar bevorsteht.
Sonntag, 27. Juni 2010
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