Die ultraschnellen Computer haben in den vergangenen Jahren die Macht an den Börsen übernommen, vor allem in den USA. Dort gehen mittlerweile mehr als 60 Prozent der Aktiengeschäfte auf den Hochfrequenzhandel zurück - in Deutschland sind es Schätzungen zufolge rund 40 Prozent. Die Computer werden von Spezialisten mit hochkomplizierten Algorithmen darauf programmiert, den Markt zu durchforsten und selbst kleinste Kursdifferenzen auszunutzen.
Solche Differenzen entstehen zum Beispiel, wenn Kauf- und Verkaufkurse um einige Cent auseinander liegen oder unterschiedliche Börsenbetreiber leicht abweichende Kurse für die gleiche Aktie angeben.
Unter den Hochfrequenzhändlern sind außer klassischen Investmentbanken und Hedgefonds auch kleinere US-Firmen wie Tradeworx oder Getco, die sich auf den schnellen Computerhandel spezialisiert haben. Die großen Börsenplätze in New York, London oder Frankfurt hofieren diese Hochfrequenzhändler mit eigenen Büros direkt neben den Handelssystemen. So geht keine Millisekunde durch zu lange Kabel verloren.
Der Aufstieg der High-Speed-Akteure hat längst auch die Aufsichtsbehörden alarmiert. Sie haben vor allem zwei Bedenken: Zum einen könnten die Akteure durch die enorme Geschwindigkeit einen ungerechtfertigten Vorteil gegenüber normalen Anlegern haben. Zum anderen untersuchen die Behörden, ob die Hochfrequenzhändler einen Börsencrash begünstigen oder gar auslösen könnten.
Wer war schuld am "Flash-Crash"?
Laut "Wall Street Journal" hat die US-Börsenaufsicht SEC zuletzt einige der Hochfrequenzhändler vorgeladen, um ihre Rolle im sogenannten "Flash Crash" zu überprüfen. Am 6. Mai 2010 war der Dow-Jones-Index binnen weniger Minuten ohne ersichtlichen Grund um mehr als 1000 Punkte abgestürzt. Kritiker machen dafür unter anderem Hochfrequenzhändler verantwortlich, die sich plötzlich aus dem Markt zurückgezogen und so den Crash ausgelöst hätten. Anders als regulierte Börsenhändler sind sie nämlich nicht dazu verpflichtet, bei allen Marktbedingungen einen Preis festzulegen.
Wegen der möglichen destabilisierenden Wirkung des Hochfrequenzhandels fordert der Ökonom Nikolaus Hautsch von der Berliner Humboldt-Universität die Einrichtung eines weltweiten elektronischen Überwachungssystems, das in kritischen Marktphasen Alarm schlägt: "Es ist eine technologische Schlacht. Hochfrequenzhändler sind hoch bezahlte, clevere Leute, die ihre technische Power perfekt ausnutzen", sagte Hautsch im Interview mit der "Financial Times Deutschland". "Den Behörden müssten ähnliche technische Mittel zur Verfügung stehen wie diesen Händlern, damit eine effektive Kontrolle möglich wird."
Auch andere Experten warnen. "Der Hochfrequenzhandel hat einen verstärkenden Effekt auf Marktbewegungen", schreiben Harald Malmgren, Chef des Beratungshauses Malmgren Global, und Mark Stys, Leiter Anlagenstrategie bei Bluemont Capital, in einem Aufsatz für das Fachmagazin "International Economy".
Sie werfen den ultraschnellen Computerhändlern vor, die Preise am Aktienmarkt zu verzerren und klassische Bewertungskriterien zu ignorieren. "Investment-Strategien, die sich auf fundamentale Kennzahlen wie die langfristige Entwicklung eines Unternehmens beziehen wurden hinweggefegt von den Algorithmen des Hochfrequenzhandels, die nach Ineffizienzen in der Preisfindung und nach Arbitrage-Möglichkeiten jagen."
So gefährlich und anrüchig das superschnelle Geschäft für die klassischen Börsenprofis auch sein mag. Es ist so erfolgreich, dass es immer mehr Nachahmer anzieht. Laut Schätzungen des Dienstleisters Tabb Group jedenfalls werden in diesem August rund dreimal so viele Aktiengeschäfte im Hochfrequenzhandel getätigt wie im Monat zuvor.
Freitag, 19. August 2011
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