Mittwoch, 2. Februar 2011

Otte

FOCUS Online: Der Dax hat 2010 um 16 Prozent zugelegt, Ihr Fonds um 30 Prozent. Was erwarten Sie für dieses Jahr?

Otte: Dax und MDax sind weitgehend fair bewertet. Aber der Dax kann gut auf 8000, 9000 oder 10 000 Punkte steigen, wenn er in eine Übertreibungsphase kommt.

FOCUS Online: Kaufen Sie denn jetzt Aktien?

Otte: Ja, abgesehen von meinem Häuschen, dem Ackerland und Gold bin ich komplett in Aktien investiert.

FOCUS Online: Wo investieren Sie derzeit?

Otte: In den vergangenen Monaten habe ich etliche Mittel in Unternehmen der Euro-Randstaaten investiert: Spanien, Griechenland, Italien, Irland, das finde ich alles wunderbar billig. Dazu habe ich meine Standardpositionen.

FOCUS Online: Wenn die Randländer mitgeschleppt werden, müssten Sie doch eigentlich dort Anleihen kaufen?

Otte: Das wäre eine mögliche Spekulation. Ich bin in meinem Fonds frei in der Anlagepolitik, aber eher Aktieninvestor. Wenn ich Parmalat zum Buchwert finde, dann schlafe ich damit ruhiger als mit griechischen Anleihen – und ich weiß, dass die Aktie 50 Prozent Potenzial hat.

FOCUS Online: Als Value-Investor suchen Sie unterbewertete Konzerne und orientieren sich dabei zuallererst am Kurs-Buchwert-Verhältnis oder am nachhaltigen Ertragswert. Interessiert Sie ein schlechtes wirtschaftliches Umfeld für Firmen in Griechenland oder Portugal denn gar nicht?

Otte: Die Bewertungen müssen so sein, dass eine große Schwankungsbreite an Prognosen eingepreist ist. Warren Buffett nennt das die „Sicherheitsmarge“. Bei Parmalat ist es so, dass die Aktie günstig ist und ich daran glaube, dass die Leute weiter Milch trinken und Käse essen.

FOCUS Online: Ist Gold jetzt schon zu teuer?

Otte: Nein. Es ist satt bewertet, aber wenn man jetzt Gold kauft, kann man keine großen Enttäuschungen erleben. Gold ist für mich persönlich die Absicherung für den Ernstfall, gegen das Restrisiko, das ja nach wie vor da ist. Wenn es dazu kommt, dann wird jeder froh sein, der Gold hat. Natürlich mag sich da irgendwann auch eine Blase bilden, aber das ist wie mit meinen zehn Hektar Ackerland: Es bleibt eine sichere Anlage.

FOCUS Online: Wie viele Aktien haben Sie denn im Depot?

Otte: Sie werden lachen: 80 Titel, darunter 25 deutsche Mittelständler. Zwei Drittel sind disponibel, ein Drittel ist permanent – meine Standardpositionen. Aber es kann irgendwann auch wieder nur eine Aktie sein.

FOCUS Online: Warum halten Sie keine Anleihen?

Otte: Anleihen würde ich nur kaufen, wenn ich keine günstig bewerteten Aktien mehr finde und Anleihen extrem attraktiv wären. Beides ist nicht der Fall.

FOCUS Online: Staatsanleihen mögen Sie überhaupt nicht?

Otte: Das will ich so nicht sagen. 1982 brachten US-Staatsanleihen 14 Prozent, die hätte ich vielleicht schon gekauft. Aber Aktien sind mein Metier. Ich mag sie, weil es sich dabei um Produktivvermögen handelt und sie auf Dauer die besseren Renditen bringen. Außerdem glaube ich, dass langfristig die Zinsen steigen müssen und es wohl Inflation geben wird. Beides ist schlecht für Staatsanleihen.

FOCUS Online: Sie glauben, dass wir Inflation bekommen?

Otte: Ich weiß es nicht. Eine leichte bis mittlere Inflation ist mein optimistisches Szenario. Das Aktienvermögen würde dadurch erhalten bleiben. Mein Depot ist darauf eingestellt, aber ein deflationärer Schock würde es nicht aus der Bahn werfen.

FOCUS Online: Wie sollten sich Anleger jetzt positionieren?

Otte: Sie sollten die für sie richtige Immobilie und Gold haben und ansonsten billige ordentliche Aktien kaufen.

FOCUS Online: Sie orientieren sich an Value-Legenden wie Buffett. Wollen Sie der deutsche Warren Buffett werden?

Otte: Nein. Geldverdienen ist mein Handwerk. Und es hat lange gedauert, bis ich es beherrschte, glauben Sie mir! Ich habe Buffett dazu genau studiert. Er ist Investor mit Leib und Seele. Für mich dagegen ist das Geldverdienen allein auf Dauer nicht interessant genug. Dazu habe ich zu viele andere Interessen.

FOCUS Online: Mit Ihrem Fonds waren Sie nach der Auflage 2008 auch schon mal 35 Prozent im Minus. Risikofreude müssen Ihre Geldgeber schon mitbringen, oder?
Otte: Nein. Was hat das mit Risiko zu tun? Risiko ist dauerhafter Wertverlust. Ich folge da dem Value-Investor Benjamin Graham: Volatilität ist Volatilität und hat mit Risiko nicht das Geringste zu tun. Das gehört zum Handwerk. Wenn ich eine Aktie für 80 Prozent des fairen Wertes bekomme und sie fällt auf 50 Prozent, dann verfalle ich nicht in Panik, sondern ich kaufe nach.